Die Geschichte (m)einer Ordenssammlung

Als Kind kam ich zum ersten Mal mit der Leidenschaft des Sammelns in Berührung. Mein Vater sammelte Briefmarken und hatte eine stattliche Anzahl an gefüllten Alben angelegt.

Da brauchte es nicht viel bis ich auch ein Album erhielt. Darin fand sich darin eine Vielzahl deutscher und ausländischer Briefmarken, meist mit farbenprächtigen Motiven. Die kleine Sammlung war jedoch unstrukturiert. Es gab auch kein nennenswertes Sammlungsziel. Schon bald merkte ich, dass Briefmarken für mich nicht das Richtige sind. Es gab auch einen Ausflug in die Numismatik, welcher jedoch auch nur von kurzer Dauer war.

Irgendwann erhielt ich dann von meiner Großmutter ein Eisernes Kreuz von 1914. Dieses Stück gefiel mir so gut, dass ich es einige Zeit lang an einer Kette um den Hals trug. Es sollte sich bei dem Kreuz um eins aus der Familie handeln, jedoch wurde mir nicht überliefert, von wem genau dieses Kreuz stammte. Dieses Eiserne Kreuz befindet sich heute noch in meiner Sammlung.

Meine Kindheit verbrachte ich zu einem großen Teil in Berlin-Charlottenburg, wo es einen Flohmarkt am „Nassen Dreieck“ gab. Dies war ein lange Zeit brach liegendes Grundstück, unweit des Sophie-Charlotten-Platzes. Der Flohmarkt fand üblicher Weise jeden Sonnabend und Sonntag statt. Als Schüler hatte ich somit oft Gelegenheit diesen Flohmarkt aufzusuchen. Dort gab es eine Vielzahl von Ständen die auch oft militärischen „Krimskrams“ wie Leibriemen, Gasmasken und sonstige Ausrüstungsgegenstände feil boten. Weiterhin gab es eine relativ große Auswahl an Auszeichnungen, meist aus dem ersten und zweiten Weltkrieg. Hier begann sich das Interesse für solche Stücke zu manifestieren. Selbst nur mit Taschengeld ausgestattet, war es möglich einige Auszeichnungen anzusammeln. Doch dieser Flohmarkt sollte nicht die einzige Quelle bleiben.

Ein lange Zeit stillgelegter U-Bahnhof der Hochbahn am Nollendorfplatz wurde mit alten U-Bahn-Waggons  zum Trödelmarkt umgebaut. Dort fanden sich zwar nur kommerzielle Händler, was aber dem Angebot keinen Abbruch tat.  Es waren dort jedoch nur etwa 4 Händler die Nennenswertes im Angebot hatten, aber es war interessant zu sehen, was es wo noch alles zu finden gab. Etwas an Taschengeld und Reste meiner kleinen Münzsammlung an „Olympia-Zehnern“ konnte ich dort in einige Auszeichnungen investieren. Es waren Abzeichen aus der Zeit des Dritten Reichs, jedoch handelte es sich bei einigen auch schon um Kopien, wie es mir leider erst zuspät bekannt wurde. Sogenanntes „Fachwissen“ hatte ich als Schüler noch nicht erworben und kaufte einfach „drauflos“.

In einem Buchladen in Wilmersdorf fiel mir im Jahre 1976 ein kleines Buch über die Orden und Ehrenzeichen des Dritten Reichs ins Auge. Ich überlegte einige Male hin und her ob ich mir die Anschaffung des Buches für damals teure 50,- DM leisten sollte, tat es dann aber. So kam ich an mein erstes Buch zu diesem Thema. Darin war auch eine Preisliste der im Buch behandelten Auszeichnungen vorhanden, was mir erstmals einen kleinen Überblick über die Preise der Auszeichnungen im Handel verschaffte.

Der Flohmarkt zog vom „Nassen Dreieck“ irgendwann zum Klausener Platz, schräg gegenüber vom Schloss Charlottenburg, einige Zeit später dann zur Straße des 17. Juni, in Höhe des Charlottenburger Tores. Insgesamt nahm jedoch das Angebot soweit ab, dass es sich kaum noch lohnte jedes Wochenende den Markt zu besuchen. Nach diversen Besuchen, ohne etwas Interessantes zu finden, stellte ich dann die Besuche dort  ganz ein.

Einiges fand ich auch in einem kleinen Münzladen in einer Unterführung am Breitscheidt-Platz. Nach dessen Umbau verschwand aber dieser Laden. Nun blieb nicht mehr viel in meiner näheren Umgebung um sich nach weiteren Stücken für meine kleine Sammlung umzuschauen. Einzig die Firma „Die Ordenssammlung“, welche sich in der Wielandstr. niedergelassen hatte, war für mich eine Anlaufstelle. Ich kann mich noch heute an eine große Vitrine in der Ecke des Verkaufsraumes erinnern, die voller Orden und Ehrenzeichen aller Länder und Klassen war. Dort kaufte ich mir auch etwas an Literatur, einige Auszeichnungen sowie Etuis und erhielt im Abstand von einigen Monaten ihre Angebotslisten, von denen ich jedoch nur selten Gebrauch machte.

Inzwischen hatte ich auch vom Förder- und Freundeskreis Deutsches Ordensmuseum e.V. (FDOM) erfahren in dem ich sogleich Mitglied wurde. Über die vom Verein herausgegebene Zeitschrift gelangte ich an Adressen weiterer Händler und Auktionshäuser die Orden und Ehrenzeichen anboten. So konnte ich meine Sammlung weiter ausbauen und war zugleich fachlich informiert. Wegen der vielen vorhandenen Fälschungen, und weil ich mich nicht so richtig mit einer Sammlung mit vielen Stücken des Dritten Reichs identifizieren konnte, wandte ich mich schon früh davon ab, um mich mehr auf die Zeiten davor und danach zu konzentrieren. Es gab ja noch so vieles mehr!

Nach der Gründung eines eigenen Hausstandes hatte ich mir eine Vitrine zugelegt, in der ich meine Sammlung präsentieren konnte. Ein eigener Raum dafür stand mir nicht zur Verfügung, sodass ich die Vitrine im Flur aufstellte. Einige weitere Hausorden konnte ich zwischenzeitlich bei Herrn Menz von der Fa. Seidel & Sohn erwerben. Dieses Geschäft lag in unmittelbarer Nähe des Nollendorfplatzes, wo sich einige Antikläden fanden, wovon mir aber nur Seidel & Sohn als ein Geschäft in Erinnerung blieb, welches Orden anbot. Herr Menz war immer sehr freundlich und erzählte mir einiges, was ich mir als Jungsammler gern anhörte. Von ihm kaufte ich mir auch eine kleine Brosche, welche angeblich ein Geschenk Wilhelms II. an eine Hofdame sein sollte. Den Namen dieser Hofdame wollte er mir jedoch nicht mitteilen. Ich stufte diese Brosche als einen patriotischen Schmuck ein. Obwohl es somit keine Auszeichnung war, hing ich doch von Anfang an dieser Brosche. Sie bestand aus einem etwa 25 mm großen Eichenlaubkranz aus Gold, in dessen Mitte ein Eisernes Kreuz von 1914 angebracht war. Das Eiserne Kreuz war 17 mm breit. Der Kern wurde aus 4 kleinen Eisenplättchen gebildet, die durch eine silberne Zarge zusammengehalten wurden. Anders als bei seinem Vorbild, wo sich im Zentrum des Kreuzes die Chiffre „W“ befindet, prangte im Zentrum der Brosche ein goldenes Medaillon, welches den Kopf Kaiser Wilhelm II. zeigte und von einem mit Diamanten besetzten Medaillonring eingefasst war. Das ganze befand sich in einem Etui des Juweliers Koch in Baden-Baden. Die Einlage des Etuis war herausnehmbar. Darunter befand sich ein kleiner stählerner Schraubenschlüssel mit dessen Hilfe man die Nadel der Brosche gegen eine Öse austauschen konnte. So konnte die damit beschenkte Dame wählen, ob sie den Schmuck als Brosche oder als Anhänger an einer Kette tragen wollte.

Da der Platz in meiner Vitrine beschränkt war, suchte ich einige „kleinere“ Stücke zusammen und tauschte sie gegen einen Komturstern des Hausordens vom Zähringer Löwen, der optisch sicher ein Highlight meiner damaligen Sammlung war. Über einen Arbeitskollegen war ich an ein Eisernes Kreuz 2. Klasse von 1813 gekommen. Weiterhin befanden sich Auszeichnungen diverser deutscher Staaten in meiner kleinen Sammlung, wovon aber Preußen den wohl größten Anteil ausmachte. So hatte ich inzwischen die erste bis vierte Klasse des Kronenordens (ohne weitere Attribute) zusammen und auch so einiges an Urkunden und Etuis.

Als unsere 2-Zimmer-Mietwohnung für meine Familie und mich zu klein wurde, ich war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, war es an der Zeit umzuziehen. Nur gab der Wohnungsmarkt nicht allzu viel her, sodass wir uns dafür entschieden haben eine Eigentumswohnung zu erwerben. Da ich keine großen Ersparnisse hatte, ein Großteil dessen was ich hätte sparen können floss in meine Sammlung, war ich gezwungen meine Sammlung zum größten Teil aufzulösen. Dies geschah teils über eine Auktion, teils aber auch über ein Verkauf an privat. Auch die kleine Geschenkbrosche gab ich schweren Herzens ab. So ruhte für einige Monate meine sammlerische Tätigkeit und ich trat aus dem Bund Deutscher Ordenssammler e.V. (BDOS) aus, in den der FDOM übergegangen war.

Meine Vitrine wurde in dieser Zeit mit einigen Generalsdolchen und Generalsmützen der NVA gefüllt, sodass diese nicht leer blieb. Diese hatte ich gleich nach der Wende am Brandenburger Tor und teils direkt bei der Herstellerfirma gekauft. Ich fand diese Dolche schon vorher recht ansprechend, wollte aber, da sie sich eigentlich nicht in meinem Sammelgebiet befinden, kein Geld dafür ausgeben. So entschloss ich mich einige dieser Dolche zuzulegen, um sie später so gewinnbringend verkaufen zu können, damit ich vier dieser Dolche, von jeder Waffengattung einen, quasi Umsonst haben würde. Diesen Vorsatz konnte ich später auch in die Tat umsetzen. Als sich die Zeit der Anschaffungen für die neue Wohnung gelegt hatte, wandte ich mich wieder mehr den Orden & Ehrenzeichen zu. Hier und da konnte ich wieder einige Stücke erwerben und die Sammlung wuchs langsam an. Da sich damit der freie Platz in meiner kleinen Vitrine reduzierte, gab ich noch drei der NVA-Dolche ab, welche somit zur Bereicherung meiner „Ordenskasse“ dienten. Mir selbst verblieb nur noch ein Dolch im Etui mit passender Mütze und Feldbinde. Auch war es mir vergönnt meine Brosche erneut zu erwerben. Ich fand sie in einem Angebot eines Hamburger Händlers wieder, von dem ich eine Verkaufsliste erhielt und welcher sich an der Internationalen Sammlerbörse in Berlin immer beteiligte. Diese Börse fand einige Jahre statt und wurde von mir sehr gern aufgesucht. Leider wurde diese Börse nach einiger Zeit nicht fortgeführt. Bis heute gibt es dafür in Berlin keinen nennenswerten Ersatz.

Irgendwann kam mir der entscheidende Gedanke, meine bisher fast ziellose Sammlung deutscher Orden & Ehrenzeichen in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen.

Im Jahre 1999 fasste ich endgültig den Entschluss einen deutschen mehrstufigen Orden in allen seinen Stufen und Variationen zu sammeln. Es schien mir interessant eine Sammlung, oder zumindest einen Teil davon, danach auszurichten. Es stellte sich jedoch die Frage, welcher deutsche Orden dafür in Frage kommen würde. Das Problem bei alten Orden die dafür in Frage kommen könnten liegt darin, dass diese oftmals für einen Sammler der nur über begrenzte Mittel verfügt, entweder unerschwinglich sind, oder das es auf Grund der Seltenheit gewisser Auszeichnungen praktisch nahezu unmöglich ist alle Stufen und Variationen zusammenzutragen.

Im Jahre 1998 geschah jedoch etwas, was meine Entscheidung soweit brachte, dass ich sie in die Tat umsetzen konnte. Dem scheidenden Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Dr. Helmut Kohl, wurde das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland in besonderer Ausführung  verliehen. Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung die zuvor nur ein Mal verliehen wurde und somit vorher nicht zu beschaffen war. Von der Auszeichnung die im Jahre 1998 verliehen wurde, konnten interessierte Sammler Doubletten bestellen, welche mir nun die Möglichkeit eröffneten den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland in allen bisher verliehenen Formen zu sammeln. Da ein anderer wirklich komplett verfügbarer und erschwinglicher mehrstufiger deutscher Orden nicht zur Auswahl stand, war damit die Auswahl getroffen. Mein künftiges „Spezialgebiet“ sollte eben dieser Verdienstorden werden der in den letzten 60 Jahren über zehn Stufen verliehen, und von verschiedenen Firmen hergestellt wurde. Hier lag ein breites Feld unterschiedlichster Ausformungen vor mir. Damit sich wieder etwas Kapital in meiner „Ordenskasse“ ansammeln konnte, entschied ich mich ein zweites Mal meine Sammlung zu reduzieren. Als dies erledigt war, konzentrierte ich mich völlig auf die Sammlung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Ziel war es, nicht nur die Dekorationen an sich zu sammeln, sondern auch die dazugehörigen Etuis, und wenn möglich auch die passenden Urkunden. Letzeres erwies sich jedoch als schwierig, da alle Urkunden des Verdienstordens, welche an einer Schärpe verliehen werden nur relativ selten angeboten werden. Dennoch gelang es mir, für die Stufen unterhalb des Großkreuzes wenigstens je eine Urkunde zu erwerben. Für die unteren Stufen war es auch möglich einige Urkunden mehr zu erwerben, sodass sich möglichst viele Amtszeiten der Bundepräsidenten abdecken ließen. Diese Dekorationen stellen heute noch den Kern meiner Sammlung dar.

Um alle Stücke nicht nur einfach anzuhäufen und damit man sich auch einen Überblick über meine Sammlung verschaffen kann, suchte ich nun nach einer adäquaten Dokumentationsmöglichkeit. Ich experimentierte zuvor schon mit Karteikarten, aber in Zeiten der elektronischen Datenverarbeitung und des Internets sollte es auch anders gehen. Eigentlich erst nur für mich, später dann für jeden interessierten Menschen, veröffentlichte ich den Großteil meiner Sammlung im Internet. Es ist bis heute die umfassendste Internetpräsenz zu den Orden der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Länder. Weiterhin begann ich über einige Themen zur Fragen der Phaleristik kleinere Aufsätze zu schreiben, die ich unter der Kategorie „Ordensjournal“ auf meinen Internetseiten seit dem Jahre 2006 in loser Folge veröffentliche.

Da es dazu kam, dass sich die Zugänge meiner Bundesverdienstorden-Sammlung irgendwann auf ganz natürlichem Wege reduzierten, nahm ich noch die Verdienstorden der Bundesländer und die tragbaren Orden & Ehrenzeichen in meine Sammlung auf, welche von Bundespräsidenten gestiftet, genehmigt oder anerkannt worden sind. So hat sich meine Sammlung von Orden & Ehrenzeichen der Bunderepublik Deutschland immer weiter ausgeweitet. Aber auch die alten Auszeichnungen blieben weiterhin Interessant für mich und wurden, sofern man ein Angebot nicht abschlagen konnte, gern in die Sammlung mit aufgenommen. So fand auch ein etwas beschädigter Stern der Komtur mit Schwertern des Königlichen Hausordens von Hohenzollern in meine Sammlung, wie auch ein Kammerherrnschlüssel des Herzogtums Nassau aus der Zeit kurz vor der Annexion  Nassaus durch die Preußen. Da dieser Kammerherrnschlüssel einer Person zugeschrieben werden konnte, war es möglich in einem Archiv noch eine Personalakte dieses Offiziers beizuziehen, was den ganzen Hintergrund dazu gut abrundete.

Über das Internet gelangte ich dann an ein Sammlerforum in dem ich bald, wohl wegen meines damals noch sehr unterrepräsentieren Sammelgebiets der Bunderepublik Deutschland als Moderator für diesen Bereich eingesetzt wurde. Leider kam es nach einigen Monaten zu einem Zerwürfnis mit dem Betreiber dieses Forums, da er offenbare Unwahrheiten verbreitete und keine andere Meinung als die Seine in dem Forum duldete. Neben meiner Person schieden wegen der gleichen Gründe auch Andere aus diesem Forum aus, oder deren Zugang wurde kurzer Hand gesperrt.

Die so entstandene Lücke sollte aber bald wieder geschlossen werden. Ich hatte über dieses Forum Kontakt zu Sascha Weber bekommen, welchen das gleiche „Schicksal“ in diesem Forum ereilte. Er eröffnete ein eigenes Forum und bat mich zugleich mit „an Bord“. Diese neue Herausforderung nahm ich gern an, und habe sie bis heute als Administrator inne.

In diesem Forum sammelten sich über die Zeit viele engagierte Sammler und andere Fachleute auf dem Gebiet der Phaleristik an. Ich strebte eine Kooperation des Forums mit BDOS an, traf aber von dort aus noch auf kein Gehör, was für mich etwas unverständlich war, weil viele der Forenmitglieder auch Mitglied im BDOS waren. Nachdem sich der Vorstand des BDOS neu formierte wurde diese Idee neu aufgegriffen und realisiert, was mich dazu bewogen hatte wieder Mitglied im BDOS zu werden, welcher heute den Namen Deutsche Gesellschaft für Ordenskunde e.V. trägt.

Von dort aus erfuhr ich im Jahre 2010 auch die Ehre der Verleihung der bronzenen Verdienstmedaille dieses Vereins, mit welcher mein Internetauftritt, die Dokumentation meiner Sammlung in der Öffentlichkeit und  meine Mitarbeit im Forum der Sammlergemeinschaft Deutscher Auszeichnungen gewürdigt wurden.

Nach dem kurzen Ausflug meiner „ sammlerischen Nebentätigkeit“ wieder zurück zu meiner Sammlung. Ich konnte meine Sammlung auch noch in Hinblick auf die Anschaffung alter und natürlich neuer Literatur ausbauen. Hier sind die Werke des Louis Schneider, Friedrich Höftmann und Walther Schultze zu nennen, die mich in ihrer alten Pracht besonders begeistern. Beim Orden sammeln geht es doch um so vieles mehr, als nur um die Ansammlung kleiner und größerer Kreuze. Mit den Orden und Auszeichnungen wurde auch immer ein Stück Geschichte geschrieben. Sei es nun bei ihrer Stiftung, Gestaltung, Anfertigung oder deren Verleihung. So gehören für mich nicht nur die Dekorationen, sondern neben dem Band, dem Etui, den Verleihungs- und Stiftungsurkunden, auch die Statuten und Trägernachweise mit dazu. Hierzu lässt sich in den Archiven einiges aufspüren. So nimmt es denn nicht Wunder, das ich selbst auch einige Wochen meines Lebens in Archiven verbracht habe. Und dies führt manchmal dazu, dass man weiter über den „Tellerrand“ seines eigenen Sammelgebietes schaut, als man ursprünglich vor hatte. So erging es mir im April des Jahres 2010, was letztlich auch zu einer Bereicherung meiner Sammlung führte.

Bisher war ich einige Male im Geheimen Staatsarchiv in Berlin um selbst zu einigen Begebenheiten oder Fragestellungen Urkunden und Antworten zu finden. Da mir die Archivarbeit Freude bereitet, sagte ich auch einem Sammlerfreund zu, bei der Durchsicht einiger Akten zu helfen, welche sich mit den Exilverleihungen des Hausordens von Hohenzollern beschäftigen. Da mich dieser Hausorden, von dem ich u.a. auch ein Stück aus der Zeit des kaiserlichen Exils besitze interessiert, fiel mir die Zusage nicht schwer.

Wir teilten uns die Akten, welche auf Mikrofiches vorlagen willkürlich auf, sodass es nur Zufall war, das ich selbst auf jene Zeilen traf, die ich gleich am Anfang des Stapels an Fiches in den Unterlagen fand. Da diese in Maschinenschrift geschrieben waren, gab es auch keine Zweifel an einer möglichen Weise varianter Auslegung des Geschriebenen. Dort las ich, dass Seine Majestät geruht hatte zu bestimmen, wann von den Mitgliedern der Doorner Arbeitsgemeinschaft (D.A.G.) das Gorgo-Abzeichen anzulegen sei.

Mich trafen diese Zeilen wie ein Schlag ins Gesicht. Seit etwa 30 Jahren hatte ich schon von vielen Abzeichen gehört, von ihnen gelesen, oder sie irgendwo gesehen, aber ein Gorgo-Abzeichen? Was sollte das sein? Schon allein der Name war ungewöhnlich.

Ich wollte erst nicht glauben was ich las, aber die Zeilen waren eindeutig! Damit man mir später Glauben schenkte, um das was ich dort las, bat ich zwei Sammlerfreunde an den Bildschirm des Lesegerätes, damit ich mir wenigstens diese Beiden als „Zeugen“ sicher sein konnte. Ich schrieb diese Ordre wortwörtlich ab und legte sie zunächst zu meinen Unterlagen, um nicht vom ursprünglichen Vorhaben weiter abgelenkt zu sein. Später zu Hause machte ich mir Gedanken darüber, wie ich weiter in dieser Sache vorgehen könnte. Mir war sofort klar, dass ich hier etwas gefunden hatte, von dem noch nicht viel bekannt gewesen sein konnte. Wie es in der heutigen Zeit so ist, befragt man zuerst das Internet um eine Lösung. Oftmals hat man so direkt Erfolg, aber zum Begriff Gorgo-Abzeichen gab es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Treffer in den Suchmaschinen. Das ist heute natürlich anderes!

Aber da war noch der Begriff der Doorner Arbeitsgemeinschaft zudem ich einige wenige, aber vielversprechende Treffer gefunden hatte. So fand ich heraus, dass der exilierte Kaiser in Doorn eine Gruppe von Wissenschaftlern um sich scharte, die sich der Erforschungen alter Kulturen zuwandten. Unzweifelhaft war das genannte Abzeichen ein Mitgliedsabzeichen für Angehörige der Doorner Arbeitsgemeinschaft. Leider erschöpfte sich darin aber die Auskunft zu dieser Gemeinschaft, bis auf einigen Namen der Mitglieder. Ein Name war dabei besonders vielversprechend, da es heute ein Institut gibt, welches den Namen von Leo Frobenius trägt. Auf der Internetseite des Frobenius-Instituts gibt es einen Hinweis auf seinen erschlossenen Nachlass, was mich ermutigte dort nachzufragen, ob man mir von dort aus weiterhelfen kann. Um es vorweg zu nehmen: Man konnte!

Eigentlich alles was ich versuchte um die Hintergründe dieses Abzeichens zu beleuchten war von Erfolg gekrönt. Es gab keinerlei Rückschläge. Das Frobenius-Institut gab mir zwei Hinweise. Ein Hinweis bezog sich auf den Nachlass des Leo Frobenius, dessen Briefwechsel mit Wilhelm II. gerade von einem Autor durchgesehen wurde um darüber ein Buch herauszubringen, der andere Hinweis bezog sich auf einen Ausstellungskatalog in dem das Gorgo-Abzeichen, wenn auch nur sehr klein, abgebildet war. Weiterhin bekam ich so einen Hinweis auf einen anderen Ausstellungs-Katalog, der in Teilen ebenfalls die Zeit der Doorner Arbeitsgemeinschaft behandelte. Nun ausgerüstet mit Inventarnummern vom Museum Haus Doorn in Holland forderte ich von dort Bilder des Gorgo-Abzeichens an, welche jedoch erst für mich angefertigt werden mussten, da dort keine vorhanden waren. Über den anderen Katalog bekam ich zu einem Münchener Fotografen Kontakt, der seinerzeit einen Gorgo-Becher für die Ausstellung fotografiert hatte. So kam ich an die ersten Bilder der Insignien der Doorner Arbeitsgemeinschaft. Mit diesem Wissen besuchte ich insgesamt noch drei Tage lang das Geheime Staatsarchiv um möglichst alles an Dokumenten die noch vorhanden waren in meine Forschung mit einzubeziehen. Von dem vorgenannten Autor erhielt ich noch weitere Dokumente, die sich in den Archivakten nicht befunden haben. Darunter fanden sich schließlich auch  die beiden Entwurfszeichnungen des Gorgo-Abzeichens, welche Wilhelm II. mit eigener Hand gezeichnet hatte. Somit schien diese Forschungsarbeit abgeschlossen, nachdem keine weiteren Informationen greifbar waren. Von der Gründung dieser Arbeitsgemeinschaft über ihre Ideen, ihren Zweck und ihr Wirken, bis zur Gedankenfassung der Stiftung eines Abzeichens, dessen Gestaltung und Ausführung, und zuzüglich den an die anwesenden Professoren überreichten Erinnerungsgeschenken, alles war nachweislich und zum ersten Mal in diesem Umfang für die Öffentlichkeit über meine Internetseiten, in Form eines herunterzuladenden Ordenjournals zugänglich gemacht worden. Für mich war es die bisher größte Herausforderung in meiner Sammlerkarriere. Wem ist es schon vergönnt ein Abzeichen wieder zu entdecken, von dem bisher kaum einer wusste oder Notiz genommen hatte?

Für mich war es mit einer Schatzsuche vergleichbar, die mit einem bloßen Hinweis seiner Existenz, bis zum tatsächlichen Heben des Schatzes führte.

Ich wagte natürlich nicht daran zu denken, ein solches Abzeichen irgendwo vorzufinden. Ich schrieb alle mir bekannten Händler an, aber niemand wusste von diesem Abzeichen und keiner konnte mir ein solches Stück anbieten. Aber es gab ja noch EBay, die Verkaufsplattform im Internet. Zusammen mit meiner Veröffentlichung in einem Ordensjournal, in dem ich die Geschichte des Gorgo-Abzeichens beschrieb, wurde es plötzlich und unerwartet dort angeboten. Es mag erst meine Veröffentlichung gewesen sein, die dazu den Ausschlag gab, denn wer würde ohne jeglichen Bezug zu Wilhelm II., und ohne zu wissen um was es sich dabei genau handeln würde, ein solch kleines Abzeichen kaufen, dass von der Bandschleife einmal abgesehen, in nichts an ein Abzeichen erinnert, welches von Wilhelm II. selbst entworfen ausgehändigt wurde?

Nun war es jedenfalls geschehen! Und glücklicher Weise erhielt ich auch den Zuschlag, wenn auch im Preis nun um ein Vielfaches höher als man das von dem Abzeichen ohne diese Provenienz erwarten würde. Aber mir war es das Wert. Denn ein seltenes Abzeichen, welches man eigenhändig aus der Versenkung der Geschichte ins Rampenlicht zurück holen konnte, in seine eigene Sammlung aufnehmen zu dürfen, ist wohl das Beste was einem Sammler wiederfahren kann. Glücklich mit dem Umstand alles über das Abzeichen herausgefunden zu haben was wichtig war, und dieses Abzeichen nun selbst zu besitzen, glückte es mir sogar noch das passende Schächtelchen zu erwerben, mit dem das Abzeichen von der Fa. Godet verpackt wurde. Wie sich später herausstellte stammten das Abzeichen und die Schachtel völlig unabhängig aus der gleichen Quelle und wurden mit großer Wahrscheinlichkeit einige Monate zuvor voneinander getrennt, um ein Miniaturenkettchen in dieser Schachtel besser verkaufen zu können. Somit spricht nichts gegen meine Annahme, dass es sich bei der Schachtel um die Originalschachtel des Abzeichens handeln kann. Von der Tatsache beflügelt, dass nun eines dieser Abzeichen den Weg in meine Sammlung gefunden hatte, versuchte ich nun noch einen der Erinnerungsbecher aufzuspüren. Wie konnte ich herausfinden, wo sich diese Becher heute befinden würden? Gab es  noch einen Becher in privater Hand? Gab es überhaupt noch andere Becher, außer dem im Haus Doorn?

Ausgehend von den Namen der Mitglieder der D.A.G. befragte ich wieder das Internet. Und wie es der Zufall wollte fand ich über Querverbindungen eine E-Mailadresse einer Adoptivtochter eines ehemaligen Mitglieds der D.A.G. und schrieb ihr eine E- Mail. Als ich nach einer Woche keine Antwort erhielt und ich meine Anfrage auf dem Postweg wiederholen wollte, bekam ich doch noch Antwort. Eine nette alte Dame, selbst Professorin und Forscherin, teilte mir mit, dass sie das Abzeichen noch nie gesehen hätte, jedoch aber einen dieser „Kaiser-Becher“ besitzen würde. Treffer! Was für ein Glück! Ich konnte es kaum fassen. Ich trug mein Anliegen vor und nach einigen Mails und Gesprächen wurde mir dieser Becher von ihr geschenkt. Das war wirklich ein krönender Abschluss meiner kurzen aber intensiven Suche. War da nicht aber noch etwas?

Dieser Becher war schließlich ganz anders gearbeitet als jener, von dem ich die Fotos erhalten hatte. Es gab also zwei Bechertypen welche sich unterschieden! Irgendwie war mir dieser Umstand bisher nicht so bewusst geworden, weshalb ich mich nochmals ins Archiv begab um nach weiteren Hinweisen darüber zu suchen. Und ich sollte sie finden! Wohl weil mein Focus zuvor mehr auf das Abzeichen und weniger auf die Becher ausgerichtet war und weil es eine schier unglaubliche Menge an Dokumenten in den Akten zu finden gab, übersah ich dieses eine Dokument, welches sich auf die Herausgabe dieses zweiten Bechers, des Jubiläums-Bechers aus dem Jahre 1937, bezogen hatte. Aber nun war es gefunden und gewisse Zweifel über die Herstellung und Anzahl der Becher konnten ausgeräumt werden. Würde ich auch ein Exemplar dieses Bechers finden können?

Eine Liste der Empfänger ging aus dem Dokument hervor. Also glich ich wieder die Namen im Internet ab, und versuchte Personen zu finden, welche mit ihnen verwandt sein könnten. Und tatsächlich konnte ich den Sohn eines Empfängers finden, welcher von mir einen Brief mit Bildern und anderen Nachweisen erhielt, um mein Anliegen glaubhaft darstellen zu können. Auch hier erhielt ich zunächst keinen Rücklauf.  Ich dachte auch nicht wirklich daran, dass sich dieser Becher, dazu noch hier in Berlin, seit 1937 über den Krieg mit seinen großen Zerstörungen erhalten haben könnte. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Nach zwei Wochen erhielt ich vom Sohn des ehemaligen Inhabers des Bechers einen Anruf in dem mir mitgeteilt wurde, dass sich dieser Becher doch tatsächlich erhalten hat. Auf dem Schreibtisch stehend und in ständiger Benutzung um Schreibutensilien darin griffbereit zu halten. Wieder ergriff mich die Euphorie einen Becher des anderen Typs gefunden zu haben. Dazu noch in Berlin, was mir die fotografischen Aufnahmen wesentlich leichter machte. Ich wurde sofort eingeladen den Becher anzuschauen und zu fotografieren. Auch wenn dieser Becher nicht für meine Sammlung bestimmt war, weil die Kinder bei ihrem Vater schon ihre „Ansprüche“ auf den Erhalt des Bechers als Erbschaft  angemeldet hatten, so war es doch ein Glück für mich, in meiner Umgebung einen Becher gefunden zu haben, der sich sonst nur in Doorn befindet. Alle weiteren Versuche ein Gorgo-Abzeichen oder ein Gorgo-Becher in privater Hand aufzuspüren blieben erfolglos, was nach den vielen Jahren aber im Grunde nicht weiter verwunderlich ist. Im Gegenzug war der Besitzer dieses Bechers erfreut, nun auch mehr über die Hintergründe, welche zur Entstehung dieses Bechers führten, von mir erfahren zu haben. Denn obwohl er von seiner Herkunft wusste, waren ihm die Hintergründe dazu bisher unbekannt.

So schließt sich der Kreis meiner Forschungen und meiner Sammlung bis hin zu meinen Veröffentlichungen, welche so auch den Nicht-Phaleristikern unter uns irgendwo und irgendwann zu Gute kommen können. Nur so macht das Sammeln wirklich Spaß! Denn auch etwas Forschung gehört zum Sammeln dazu.

Nun bleibt abzuwarten was die Zukunft für meine Sammlung bringt. Zur Zeit versuche ich noch etwas über die Abzeichen für Förderer der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) herauszubekommen, jedoch ist es, schon allein wegen der verhältnismäßig schlechten Quellenlage, bei diesem Abzeichen nicht so einfach, wie bei dem Gorgo-Abzeichen, bei dessen Erforschung ich auf die Abzeichen der DOG, ganz nebenbei durch eine Bemerkung Wilhelms II. gestoßen bin. Ein Abzeichen ließ sich von mir bereits fotografisch in einem Nachlass in der Staatsbibliothek Berlin nachweisen. Das andere Abzeichen lässt sich bisher nur über die Entwurfszeichnungen nachweisen. Ich hoffe, dass ich durch weitere Nachforschungen auch diese Abzeichen künftig weiter bekannt machen kann. Immerhin ist  so viel Material zusammen, das ich auf meiner Webseite einen Abriss dieser Abzeichen zeigen kann.